{"id":75,"date":"2016-01-29T06:16:19","date_gmt":"2016-01-29T06:16:19","guid":{"rendered":"http:\/\/dev.uohjung.de\/?page_id=75"},"modified":"2019-11-07T13:49:37","modified_gmt":"2019-11-07T13:49:37","slug":"der-geschichtenerzaehler","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.uohjung.de\/?page_id=75","title":{"rendered":"Der Geschichtenerz\u00e4hler"},"content":{"rendered":"<p>Vom Karikaturisten zum Geschichtenerz\u00e4hler ist es nur ein kleiner, wenn auch gef\u00e4hrlicher Schritt. Wer das Abartige in den Blick nimmt, l\u00e4uft Gefahr, das Liebenswerte aus den Augen zu verlieren.<\/p>\n<p>Aus einer Sammlung von Notizzetteln sind ein paar kurze Schilderungen entstanden, die allenthalten Anleihen bei der amerikanischen Literaturgeschichte oder beim Film machen. Hier zwei Beispiele:<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>HOLTERDIEPOLTER: NEUES AUS DER HERINGSGASSE<\/strong><\/p>\n<p>Ihr k\u00f6nnt mich einfach Zack nennen, Vorname P\u00e1l. Ja, sicher, ich wei\u00df, Liebhabern amerikanischer Walf\u00e4ngerromane wird dieser Beginn wie ein Plagiat vorkommen. Aber an Plagiate hat man sich hierzulande seit Karl Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin, Margarita Mathiopoulos und Jorge Chatzimarkakis doch l\u00e4ngst gew\u00f6hnt. Oder etwa nicht? Ich versichere Euch, nein, ich gebe Euch mein Ehrenwort, dass ich kein L\u00fcgner und auch kein Mitglied der Fachgruppe \u201eTextbausteine Erben\u201c bin.<\/p>\n<p>Sagte hier etwa jemand Barschel? Oder Engholm?<\/p>\n<p>Den P\u00e1l muss ich trotzdem wohl erkl\u00e4ren. Also, meine Familie stammt urspr\u00fcnglich aus dem <em>korrpohtisch\u00e4n B\u00e4ck\u00e4n<\/em>, wie mein Gro\u00dfvater immer sagte, aus Ungarn. Und mein Vater war ein Liebhaber franz\u00f6sischer Romane aus dem 19. Jahrhundert: Eug\u00e9nie Grandet, Le p\u00e8re Goriot, La Cousine Bette und die ganze <em>com\u00e9die humaine<\/em>. Den Rest m\u00fcsst Ihr Euch selber zusammenreimen. Fakt aber ist: Ich habe, wie man so sagt, einen Migrationshintergrund.<\/p>\n<p>Das macht empfindsam.<\/p>\n<p>Und sagte ich vorhin Katzi Markakis? Man verzeihe mir den Kalauer, aber der f\u00fchrt mich direkt zu meinem Thema. Es geht hier n\u00e4mlich um ein paar Katzen aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Die Vierbeiner, drei an der Zahl \u2013 Mieze Press, Mieze Bischi und Ozzy de Muenckhouse \u2013 haben auch alle einen Migrationshintergrund. Sie sind Ex-Pets sozusagen. Mieze Press stammt aus Amerika, Mieze Bischi aus Japan und AristoCat Ozzy de Muenckhouse, der die beiden gelegentlich besuchen kommt, ist von Haus aus Australier. Die drei haben Kost und Logis in der Heringsgasse am s\u00fcdlichen Ende des Villenviertels gefunden.<\/p>\n<p>Die Heringsgasse also. Keiner wei\u00df, wie sie zu dem etwas anr\u00fcchigen Namen gekommen ist. Zu beiden Seiten \u00fcberw\u00f6lben gro\u00dfe, kr\u00e4ftige B\u00e4ume die Heringsgasse und beschatten im Sommer die m\u00e4chtigen Gr\u00fcnderzeitvillen, in deren G\u00e4rten munter sprudelnde Pl\u00e4tscherbr\u00fcnnchen der Marken Alhambra Plus und Alhambra Kaskade erfrischende K\u00fchle oder auch Inkontinenz verbreiten. Freilich, hinter wuchernden Vorg\u00e4rten verborgen oder von dorni\u00adgen R\u00f6schen ges\u00e4umt, lugt die eine oder andere Baus\u00fcnde der Nachkriegszeit hervor: ein Bahnw\u00e4rterh\u00e4uschen der Firma M\u00e4rklin (Best. Nr. 1033K) oder Fleischmanns Stellwerk mit Einliegerwohnung. Der Putz br\u00f6ckelt, am Zaun nagt der Rost, und der Vorgarten sieht aus wie die Serengeti, so als w\u00e4re sie doch gestorben. An strategisch bedeutsamen Stellen, am Fu\u00dfe des edelh\u00f6lzernen M\u00fclleimergatters oder am Aufgang zur herrschaftlichen Freitreppe, werden freundlich grienende Gartenzwerge oder metallen schimmernde H\u00e4schen platziert. Niemand vers\u00e4umt es auch, zu Ostern quietschbunte Plastikeier an die Str\u00e4ucher zu h\u00e4ngen. Soviel Tradition muss sein.<\/p>\n<p>Dort jedoch, wo die Gentrifizierung von der Heringsgasse Besitz ergriffen hat, werden in den G\u00e4rten und Hinterh\u00f6fen exklusive Ein-, maximal Zweikind superkalifragilistisch-expialligetische Spielpl\u00e4tze angelegt. Und nat\u00fcrlich versu\u00adchen die Yuppies sich dabei gegenseitig zu \u00fcbertrumpfen: h\u00f6her, weiter, gr\u00f6\u00dfer, bunter. Aber es gibt auch <em>Konsens<\/em>. Soweit sie Latein gehabt haben, betonen sie dieses Wort auf der zweiten Silbe, damit es nicht nach <em>Nonsense<\/em> klingt.<\/p>\n<p>Die Grundausstattung ist \u00fcberall dieselbe: Ein gezimmerter Bergfried, Modell <em>Vogelsang<\/em>, mit Fallreep und Hochseilbespannung f\u00fcr die kleinen Piraten zum Entern. In den meisten F\u00e4llen ist auch die Evakuierungsrutsche <em>Fukushima I <\/em>mit dem Bergfried verd\u00fcbelt, beide festgemauert in der Erden. Die Schaukel <em>Luise<\/em> mit nachtblauem PVC-Hartschalensitz, doppelt geflochtenen Hanfseilen aus kontrolliertem Anbau und zwei feuerverzinkten Karabinerhaken f\u00fcr die einfache Montage \u00e0 la Billy ist optional und wird gerne von Eltern genom\u00admen, die sich ein M\u00e4dchen als Zweitkind leisten k\u00f6nnen. Der multifunktio\u00adnale Sandkasten f\u00fcr Planspiele aller Art darf nat\u00fcrlich auch nicht fehlen. So\u00adbald die Hot P\u00e4nz etwas \u00e4lter werden, gesellt sich ein aufgest\u00e4nderter Rundk\u00e4fig dazu, so eine Art Gummizelle, die Blessuren, sagt man, verunm\u00f6glichen soll. Wie die Springb\u00f6cke hupfen sie, Lustschreie aussto\u00dfend, darin herum und freuen sich des Lebens.<\/p>\n<p>Die Fu\u00dfballfans unter den zur Erziehung Berechtigten stellen Hindernisparcours aus rot-wei\u00dfen Plastikh\u00fctchen auf, wie man sie auch zur Verkehrslenkung einsetzt. Unter den aufmunternden Rufen \u2013 Primaaa \u2013 Klass\u00e4\u00e4\u00e4 \u2013 Spitz\u00e4\u00e4\u00e4 \u2013 Dolll \u2013 von Mami, Papi, Oma und Opa\u00a0\u00a0 m\u00fcssen die zuk\u00fcnftigen Bun\u00addesligisten um die Verkehrsh\u00fctchen herumlaufen und versuchen, das Runde in einem der beiden L\u00f6cher der Torwand zu versenken. Was nicht immer gelingt: <em>Und Schuss!<\/em> (der Opa); <em>Patsch<\/em> (die Wand um die Einschussl\u00f6cher herum); <em>Daneben!<\/em> (die Oma); <em>Nachschuss!<\/em> (der Papi).<\/p>\n<p>Die meisten Kids bevorzugen deshalb die Basketballanlage <em>Beautifool America<\/em> mit genormtem Plastikgest\u00e4nge, wassergef\u00fclltem Rollfu\u00df und der Bande aus bunt lackierter Spanplatte. Bevor der Ball gegen die Platte geschleudert wird und im Erfolgsfall \u2013 Einfallswinkel ist gleich Ausfallswinkel \u2013 durch die Maschen des Korbes hindurch auf die Steinplatten darunter plumpst, wird er erst ein-, zweimal aufgetitscht, so dass jeder Wurf von einem <em>tisch, titsch, plong, titsch, titsch, titsch <\/em>begleitet wird.<\/p>\n<p>An warmen Sommertagen werden in der Freilichtb\u00fchne Heringsgasse \u201eDie Heiden von Kummerow\u201c gegeben. Da geht es dann richtig z\u00fcnftig zu, um nicht zu sagen drunter und dr\u00fcber. Farbenfrohe Plastikt\u00fcmpel werden entrollt, gepumpt und geflutet. Dann bricht die Natur sich Bahn. Alle Pl\u00fcnnen runter und rein in die B\u00fctt! Kinderlose Lauscher wollen von Doktorspielchen geh\u00f6rt haben. Die Neider berichten von Dialogfetzen: \u201eHast Du auch eine Vorhaut?\u201c Fr\u00fcher taten das blo\u00df Schmuddelkinder. Die aufgekl\u00e4rte Erziehungsberech\u00adtigte von heute geht mit so was souver\u00e4n um, Oswald Kolle sei\u2019s gedankt. \u201eJungs haben einen Penis, M\u00e4dchen eine Scheide. Ansehen d\u00fcrft Ihr das, an\u00adfassen ist verboten.\u201c Recht so.<\/p>\n<p>Damit wir uns nicht missverstehen, so ein Spielplatz ist, das kann man ja gar nicht oft genug sagen, f\u00fcr die k\u00f6rperliche und psychische Entwicklung unserer lieben Kleinen eine conditio sine qua non. Dort k\u00f6nnen sie ihre Muskeln so richtig spielen lassen, klettern und klimmen, tratschen und ratschen, plitschen und platschen, zerren und pl\u00e4rren, quieken und quaken, maulen und jaulen, bis ihnen die Puste ausgeht. Spielpl\u00e4tze sind, um einen Begriff aus der Computerwelt zu <em>booten<\/em> und unsere stilistische Verankerung in der Moderne zu demon\u00adstrieren, <em>Open-Access<\/em>-Plattformen, wo man interkulturelle Kompetenz \u2013 \u201eIch Omar, Du Zenzi?\u201c trainieren kann. Sie sind Bekenntnisse zu einer offenen und solidarischen Gesellschaft. Und deshalb werden sie auch von der klammen Kommune, ersatzweise von gemeinn\u00fctzigen Stiftungen unterhalten und gepflegt. Der sch\u00f6nste Spielplatz im ganzen Villenviertel, das sei hier ausdr\u00fccklich vermerkt, geht auf eine Handvoll von Privatleuten zur\u00fcck. Deren Ver\u00e4chter behaupten jedoch, die M\u00e4zene wollten so blo\u00df das von den Schickimickijunioren \u2013 die h\u00e4ngen meist kopf\u00fcber kopfunter in den Seilen \u2013 heraufbeschworene Tohuwabohu aus ihrer unmittelbaren Umgebung verbannen. Anmerkung 1: Das ist so usus im hortus conclusus. Anmerkung 2: Ich h\u00e4tte mir das mit den Seilen verkniffen, wenn nicht die Sorge best\u00fcnde, man m\u00f6chte mir den Vorwurf machen, ich h\u00e4tte \u2013 Setzen! F\u00fcnf! \u2013 das Thema verfehlt. Wie immer dem sei, <em>Open-Access<\/em>-Spielpl\u00e4tze braucht das Land. In der Heringsgasse aber sieht man nur <em>Private-Property<\/em>-Anlagen, m\u00f6glichst nahe an Nachbars Zaun. B\u00f6se Zungen sprechen deshalb bereits von der Entsolidarisierung unserer Gesellschaft.<\/p>\n<p>Hier also leben unsere drei Ex-Pets, nicht frei von Gefahren jedoch. Denn in der Heringsgasse patroullieren auch Lumpi, Struppi, Blacky und Bruno, die dort tagaus tagein ihrem <em>Business<\/em> nachgehen und im Leerlauf den Mond anbellen oder den Kirchenglocken hinterherjaulen. Sind sie vergattert, vertrei\u00adben sie Artgenossen \u2013 ich \u00fcbersetze hier einmal \u2013 mit <em>hau, hau, hau, hau, hau, hau, hau, bl\u00f6der alter K\u00f6ter hau ab<\/em>, Passanten begr\u00fc\u00dfen die Alpha-Fiffis mit <em>Hier, hier, hier, dies ist mein Revier<\/em>. Ausl\u00e4nder wie unsere Ex-Pets beispielsweise meiden die Heringsgasse deshalb oder klettern ganz fix auf die Alleeb\u00e4ume, wenn Gefahr droht.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Landplage weit und breit ist der Quatorze. Dieser K\u00fcmmerling ist, wie sein Frauchen nicht m\u00fcde wird zu betonen, ein direkter Abk\u00f6mmling der Hundenotten, ein Alphatier also. Ludwig XIV, sagt sie, habe 1685 das Delikt von Nantes gecancelled und alle Hundenotten vertrieben. Die Leute in der Heringsgasse w\u00fcnschen sich nun nichts sehnlicher als einen Wiederg\u00e4nger des Roi Soleil, um den meschuggen Hund wieder loszuwerden.<\/p>\n<p>Wegen der vielen K\u00f6ttbullars auf dem Trottoir hatte einer der Anwohner ein\u00admal ein Plakat mit Rei\u00dfn\u00e4geln an einem der B\u00e4ume befestigt. \u201eLieber Hund\u201c, stand da zu lesen, \u201emach den Dreck vor Deiner T\u00fcr, Frau- und Herrchen danken\u2019s Dir! Du kannst doch lesen, oder?\u201c Am n\u00e4chsten Tag hatte ein Natursch\u00fctzer aus Protest gegen den Baumfrevel etwas oberhalb ein weiteres Plakat angepinnt. Auf dem stand: \u201eQu\u00e4le nie den Baum im Scherz, denn er f\u00fchlt wie Du den Schmerz.\u201c Der Baumsch\u00fctzer obsiegte.<\/p>\n<p>Mieze Press ist die \u00e4lteste der drei Stubentiger aus der Heringsgasse, die Platzkatz sozusagen. Urspr\u00fcnglich war sie als <em>first cat<\/em> in einem amerikanischen Diplomatenhaushalt t\u00e4tig gewesen. Die Leute aus dem Nachbarhaus, \u201ePlanten un Blomen\u201c, hatten sich ihrer erbarmt, als die Amerikaner pl\u00f6tzlich Marschbefehl erhalten hatten und Land und Mieze verlassen mussten. Planten un Blomen beherbergt seit dieser Zeit den Kratzbaum, das Schlafk\u00f6rbchen und den Fressnapf der MP, wie Mieze Press wegen ihrer flinken Zunge von den anderen Tieren auch genannt wird.<\/p>\n<p>Mit Mieze Bischi hatte MP sich zun\u00e4chst \u00fcberhaupt nicht anfreunden k\u00f6nnen. Die Japanerin war als Schiffskatze nach Deutschland gekommen, nachdem ihr Br\u00f6tchengeber (das Bild ist schr\u00e4g, ich wei\u00df), ein Automobilhersteller, wegen zahlloser R\u00fcckrufaktionen in finanzielle Schwierigkeiten geraten war. Auswanderungsagenten mit moderaten Englischkenntnissen hatten ihr etwas von einer Schinkenburg an der Elbe erz\u00e4hlt, und diesem Lockruf hatte sie einfach nicht widerstehen k\u00f6nnen. Nach langer Wanderschaft hatte die Jap Cat schr\u00e4g gegen\u00fcber von Planten un Blomen, Quartier gemacht.<\/p>\n<p>Die Erstbegegnung der beiden war eine mittlere Katastrophe gewesen. \u201eNi hao\u201c, hatte Mieze Bischi gegr\u00fc\u00dft. Die MP darauf: \u201eSagtest Du Miau? Dein Deutsch klingt so komisch.\u201c Mieze Bischi: \u201eNi hao\u201c ist Chinesisch und hei\u00dft so viel wie \u201eHallo\u201c.<\/p>\n<p>\u201eDu kommst aus China?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNein, aus Japan.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWarum laberst Du dann Chinesisch?\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch dachte, das w\u00fcrde einer Amerikanerin wie Dir imponieren. Chinesisch ist im Kommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch Du gr\u00fcne Neune\u201c, sagte die MP darauf. \u201eDas f\u00e4ngt ja gut an. Komm n\u00e4her, damit wir plaudern k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Gesagt, getan. Die beiden M\u00e4usej\u00e4ger hatten dann aber erstaunlich schnell zueinander gefunden. Man traf sich des abends und tauschte Erfahrungen \u00fcber die Vor-, respektive die Nachteile von kitekat, Sheba, Felix oder Whiskas aus oder zerriss sich das Maul \u00fcber die Dorfk\u00f6ter \u2013 \u201eden Dings habense kastriert, der l\u00e4sst seine Wut jetzt an uns Katzen aus\u201c. Des nachts zog es die beiden auf den <em>Cat Walk<\/em>. Dort liefen sie rauf und wieder runter, und nach Ende des Defilees brachten sie den Heringsgassenbewohnern so manches St\u00e4ndchen. Die lie\u00dfen zwar mehr als einen Eimer Wasser auf das Gesangsduo herunterregnen, aber der Katzenmusik war einfach nicht beizukommen. Sie gesellte sich schlie\u00dflich ganz zwanglos zum Hundegekl\u00e4ff am Zaun, zu den endlosen Telefonaten der Zweibeiner in den G\u00e4rten und dem Gequieke der alleinerziehen\u00adden Kids beim Spiel.<\/p>\n<p>Bevorzugter<em> Meeting Point<\/em> f\u00fcr Mieze Press und Mieze Bischi waren sommers die sonnenwarmen Steine im Hof von Planten un Blomen. Dort sa\u00dfen sie stundenlang zusammen, kl\u00f6nten, schnurrten, putzten die Barthaare oder leckten die Pf\u00f6tchen. Im Winter oder bei Regen krochen sie unter die M\u00fclltonnengarage oder den Carport der \u201eKaserne\u201c, das ist die Scheibe zur Rechten von Planten und Blomen.<\/p>\n<p>Okay, okay, die Neugier, was es mit Planten un Blomen oder der Kaserne auf sich hat, versteh ich ja. Aber das m\u00fcssen wir vorl\u00e4ufig mal hintanstellen. Jetzt wollen wir erst einmal diese Geschichte hier vorantreiben.<\/p>\n<p>Wir waren dabei stehen geblieben, wie sich das Katzenduo gefunden und in die Ger\u00e4uschkulisse der Heringsgasse ganz zwanglos integriert hatte. Diese Art der Zweisamkeit war f\u00fcr die beiden Miezen so sehr Routine geworden, dass die Jap Cat heftig erschrak, als die Press Cat eines Tages in Begleitung eines stattlichen Katers erschien. Mieze Bischi war zwar Einiges gew\u00f6hnt. In ihrer Heimat Japan stehen die Sumos hoch im Kurs. Aber was da an geballter Kraft l\u00e4ssig schlendernd auf sie zukam, verschlug ihr doch die Sprache. Sie h\u00f6rte, wie Mieze Press sagte: \u201eLiebe Nachbarin, ich darf Dir meinen Vetter aus <em>Down Under <\/em>vorstellen.\u201c<\/p>\n<p>Mieze Bischi reagierte nicht.<\/p>\n<p>\u201eOzzy, das ist meine Freundin Bischi\u201c, fl\u00f6tete die Platzkatz weiter. \u201eMach mal den Diener.\u201c<\/p>\n<p>Die Aristocat deutete daraufhin einen Kratzfu\u00df an. Die Jap Cat reagierte immer noch nicht.<\/p>\n<p>\u201eOzzy de Muenckhouse, altes R\u00e4ubergeschlecht\u201c, erg\u00e4nzte die MP und fuhr fort, weil Mieze Bischi immer noch mit offenem Mund dastand: \u201eOzzy kommt aus Australien. Seine Familie hat damals an einem <em>Free Miles<\/em>-Programm der englischen K\u00f6nige teilgenommen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie macht Ihr das blo\u00df?\u201c, entfuhr es Mieze Bischi, die sich von dem Schreck erholt zu haben schien und Ozzys Kratzfu\u00df als Hinweis deutete, dass die Hon\u00adneurs vorbei und nunmehr Konversation gemacht werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p>\u201eWie machen wir was blo\u00df?\u201c, fragte der Kater verdutzt.<\/p>\n<p>\u201eNa, Ihr m\u00fcsst da unten doch kopf\u00fcber in der Luft h\u00e4ngen, eigentlich sogar runterfallen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch, das. Das werde ich immer wieder gefragt, wenn ich Euch Euromiezen besuchen komme\u201c, erwiderte Ozzy. \u201eIst aber ganz einfach. Australien ist stark erzhaltig. Wenn wir aus dem Haus gehen, ziehen wir Sch\u00fchchen mit Magnetsohlen an. Das hilft.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWie war doch gleich der Name nochmal?\u201c, fragte Mieze Bischi ungl\u00e4ubig. \u201eOzzy de Muenckhouse?\u201c<\/p>\n<p>\u201eOzzy de Muenckhouse, habe die Ehre\u201c, sagte der Kater.<\/p>\n<p>\u201eIhr seid mir vielleicht schr\u00e4ge V\u00f6gel\u201c, prustete Mieze Bischi.<\/p>\n<p>Hier entstand nun eine Kunstpause. Ozzy, nicht unempf\u00e4nglich f\u00fcr zwischen\u00admenschliche, pardon, zwischenfelinische Spannungen, meinte nun, zumindest das Bild zurechtr\u00fccken zu sollen.<\/p>\n<p>\u201eWas hei\u00dft hier V\u00f6gel?\u201c, begehrte Ozzy auf. Sowas ging ihm gegen die Mannes-, genauer die Katerehre. Deshalb holte er auch sofort zum Gegenschlag aus. \u201eGeschw\u00e4tz\u201c, sagte er. \u201eWenn es bei uns in Australien schr\u00e4g zugeht, dann geht\u2019s bei Euch holterdiepolter zu.\u201c<\/p>\n<p>Die beiden Euromiezen waren emp\u00f6rt. \u201eH\u00f6rt, h\u00f6rt\u201c, sagte die eine. \u201eZum Exempel?\u201c, die andere.<\/p>\n<p>Ozzy lie\u00df sich nicht lange bitten. \u201eZum Exempel\u201c, griff Ozzy den Ausdruck des Zweifelns auf. \u201eGestern traf ich einen, der mir was von einem Miezhaus am Ende der Heringsgasse vorschw\u00e4rmte, mehrere Parteien, alles gutb\u00fcrgerlich, m\u00fcsse man unbedingt gesehen haben. Als ich hinkam, war von den Miezen weit und breit nichts zu sehen. Das ist es, was ich schr\u00e4g nenne.\u201c<\/p>\n<p>\u201eOzzy, Ozzy\u201c, sagte Mieze Press da, die einen schnellen Blick auf die Ortho\u00adgraphie geworfen hatte (<em>Whiz cats<\/em> k\u00f6nnen das nat\u00fcrlich). \u201eSowas nennt man homophon, klingt gleich, ist aber verschieden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSprachwissenschaftlerin, ja?\u201c, bl\u00f6kte Ozzy, der das den Schafen im Outback abgelauscht hatte. \u201ePsychiater m\u00fcsste man sein, um die vielen Irren hier zu therapieren.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIrre?\u201c, Mieze Press und Mieze Bischi schauten sich fragend an.<\/p>\n<p>\u201eIrre!\u201c, bekr\u00e4ftigte Ozzy seine Ansicht vom Geisteszustand zumindest eines Teils der Heringsg\u00e4ssler. \u201eHier l\u00e4uft einer rum, klein, untersetzt, aber immer gut gekleidet, der sich jedes Mal vorstellt, wenn er einem begegnet. Er lupft den Hut, deutet eine Verbeugung an und sagt dann laut und vernehmlich \u201aScott\u2019. Ist wohl zugewandert von der Insel.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAuch diese Runde geht an uns\u201c, frohlockte da die Press Cat. \u201eIch kenn den Mann. Das ist ein Pension\u00e4r aus Bayern. Die Bayern sagen \u201aGr\u00fc\u00df Gott\u2019, wenn sie jemandem begegnen. Ihr <em>Gr\u00fc\u00df<\/em> ist kontrahiert und Du h\u00f6rst blo\u00df den stimmlosen Konsonanten <em>s<\/em> am Ende.\u201c<\/p>\n<p>\u201eKontrahiert, stimmlose Konsonanten\u201c, murmelte Ozzy vor sich hin. Er war konsterniert. Dennoch raffte er sich auf: \u201eWas Dich nicht t\u00f6tet, das macht Dich stark\u201c, sagte er sich.<\/p>\n<p>\u201eUnd was ist mit der Ausl\u00e4nderfeindlichkeit? Eure Ausl\u00e4nderfeindlichkeit kann einem auf den Senkel gehen\u201c, knurrte er.<\/p>\n<p>\u201eAusl\u00e4nderfeindlichkeit? Wir zwei Ex-Pets sind hier gastfreundlichst aufgenommen und integriert worden\u201c, beeilten sich die beiden Miezen zu kontern. \u201eIndigene Katzen m\u00fcssen hier M\u00e4use fangen, wir ern\u00e4hren uns von Whiskas und kitekat.\u201c<\/p>\n<p>Ozzy hatte jetzt Probleme mit dem <em>Indigenen<\/em>, beschloss aber, auf gut Gl\u00fcck, einen weiteren Vorsto\u00df.<\/p>\n<p>\u201eUnd warum nennt Ihr dann die von der anderen Seite des Flusses <em>Sch\u00e4l Sikh<\/em>? Die Sikhs waren, die Sikhs sind tapfere Soldaten in der Armee ihrer Majest\u00e4t.\u201c<\/p>\n<p>Es war nun an Mieze Press und Mieze Bischi, ihre Unkenntnis milit\u00e4rtaktischer Finessen zu verbergen. Gar nicht um k\u00fcmmern, einfach ignorieren!<\/p>\n<p>\u201eDu hast schon wieder verloren\u201c, sagte die Press Cat triumphierend. \u201eSch\u00e4l Sick schreibt sich mit Zecka, nicht Kaha.\u201c<\/p>\n<p>Ozzy staunte.<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df nicht, was soll es bedeuten\u201c, seufzte er.<\/p>\n<p>\u201eEs bedeutet <em>schr\u00e4ge Seite<\/em>\u201c, sekundierte Mieze Bischi jetzt der Freundin.<\/p>\n<p>\u201eDie sind verwundbar\u201c, sagte Ozzy zu sich. \u201eAuch bei denen gibt es schr\u00e4ge Sachen.\u201c Und so zog er seine sch\u00e4rfste Waffe und holte zum finalen Schlag aus.<\/p>\n<p>\u201eUnd wozu stehen \u00fcberall in der Stadt so kirschrote B\u00e4nke?\u201c, fragte er mit Unschuldsmiene. Merke: Will man Katzen aufs Glatteis f\u00fchren, muss man mit List und T\u00fccke vorgehen.<\/p>\n<p>Die beiden Miezen sahen sich fragend an. Was hatte das wohl zu bedeuten?<\/p>\n<p>\u201eZum Draufsitzen, wozu sonst\u201c, zischte MP leicht NRWiert.<\/p>\n<p>\u201eUnd warum werden Ausl\u00e4nder dann diskriminiert?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWieso werden Ausl\u00e4nder diskriminiert?\u201c, fragte Mieze Bischi verwundert zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ozzy de Muenckhouse lie\u00df sich Zeit mit der Antwort. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schickte er ihnen mimische und Geb\u00e4rdensignale voraus. Er legte seine Stirn in Falten und machte eine ausladende Bewegung mit beiden Vorderpfoten. Dann erst h\u00f6rte man ihn sagen: \u201eHabt Ihr etwa die Warnhinweise auf den B\u00e4nken nicht gelesen?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWelche Warnhinweise, Ozzy?\u201c<\/p>\n<p>Ozzy: \u201eAuf jeder Bank steht in gro\u00dfen Lettern <em>F\u00f6r \u00fcch do!<\/em>\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas ist keine Warnung, Ozzy. Das ist eine Einladung an alle Einheimischen: Diese Bank ist f\u00fcr Euch da!\u201c<\/p>\n<p>\u201eHatte ich also doch recht\u201c, sagte Ozzy de Muenckhouse da.<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>VON DER MEHRKATZ UND DEM LEICHENG\u00c4NGER<\/strong><\/p>\n<p>\u201eIch bin dem Loisl sein K\u00e4tzchen\u201c, sagte die Neue, als sie wie zuf\u00e4llig eines Tages am <em>Meeting Point\u00a0<\/em>in der Heringsgasse auftauchte. In Wirklichkeit hatte sie die <em>Location\u00a0<\/em>tagelang ausgesp\u00e4ht, bevor sie sich auf den Weg machte, um die Mitgliedschaft im Club der fidelen Dachhasen zu beantragen. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, hatte sie sich gesagt. Und das aus gutem Grund, wie sich bald herausstellen sollte. Argwohn machte sich n\u00e4mlich sofort breit in der Miezenkolonie. L\u00e4usl? Man begann, sich zu fl\u00f6hen. Kommen Fremde ins Land, wei\u00df man nie so genau, was einem bevorsteht.<\/p>\n<p>Dem Loisl sein K\u00e4tzchen sah, um der Wahrheit die Ehre zu geben, einem H\u00e4ngebauchschwein sehr viel \u00e4hnlicher als einer <em>Felis silvestris catus<\/em>. Mit ihrem Langhaarfell wischte sie b\u00e4uchlings den Boden auf und zog einem Swirltuch vergleichbar eine staubfeie Spur hinter sich her. Da staunte die Platzkatz, und Mieze Bischi seufzte: \u201eJetzt wei\u00df ich endlich, wie eine Mehrkatz aussieht\u201c. \u201eMehrkatz ist gut\u201c, feixte der schriftsprachlich begabte Cem Kedimir. Er z\u00e4hlte selber nicht zu den Allerschlankesten. \u201eDas passt\u201c, stimmte Ozzy de Muenckhouse dem Kollegen aus Anatolien zu. Die anderen nickten. Mehrkatz. Der Name schlug ein. Wie sagt der Lateiner? Semper aliquid haeret.<\/p>\n<p>Das Pummelchen stammte, wie sich herausstellte, urspr\u00fcnglich aus dem Tierheim der Nachbargemeinde. Dort hatte man auf gesunde Ern\u00e4hrung geachtet und auch die Selbstversorgung mit lebensm\u00fcden Lemmingen trainiert. Schlank und rank war sie gewesen, als Luis Hoppediez, Gro\u00dfmaultasche aus Stuttgart, dort aufkreuzte, um sich einen Stubentiger anzulachen. Liebe, Liebe auf den ersten Blick war das gewesen. Dem Loisl sein Blondschopf und das Langhaar der Mehrkatz passten zueinander wie Topf und Deckel. Fortan teilten sie sich eine Mietwohnung in der Lyndonallee und die Beute aus Loisls Streifz\u00fcgen, was, wie man unschwer an ihrer Ulla-Popken-Figur ablesen konnte, nicht ohne Folgen geblieben war. Kein Stress, alles ganz <em>easy<\/em>. Die beiden waren M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger, lagen tags\u00fcber in einem der Fenster vom Schneewittchensarg in der Lyndonallee und guckten den Leuten zu, die unten vorbeigingen. Abends sahen sie fern, am liebsten Tom und Jerry oder amerikanische Stehgreifkom\u00f6dien.<\/p>\n<p>Die Mehrkatz begehrte also Einlass in den Club der fidelen Dachhasen. Davor aber hatte das Schicksal, besser die Katzenmischpoke, einen Stolperstein gesetzt. Alle Neulinge werden von den alteingesessenen Schnurris einer Zulassungspr\u00fcfung unterzogen. Man untersucht sie auf Herz und Nieren. W\u00e4re ja auch schlimm, wenn man die Kontrolle dar\u00fcber verl\u00f6re, wer in der Nachbarschaft an die Futtern\u00e4pfchen darf und wer nicht. Die Platzkatz beruft deshalb jedes Mal eine Versammlung ein und f\u00fchrt auch den Vorsitz. Die Beisitzer bilden einen Kreis und machen ernste Mienen. Der Neuling wird hereingef\u00fchrt und nimmt in der Mitte Platz, nachdem er Diener oder Knicks gemacht hat. Es geht altv\u00e4terlich zu. \u201eHiermit er\u00f6ffne ich die Sitzung\u201c, sagt Mieze Press dann und putzt sich die Schnurrhaare. Das macht Eindruck. Nach einer Kunstpause \u00fcbergibt sie an Cem Kedimir, der die Personalien feststellt und das Protokoll f\u00fchrt. Das h\u00f6rt sich dann so an:<\/p>\n<p>\u201eDas Wort hat unser anatolischer Freund\u201c. Kedimir r\u00e4uspert sich und schaut dem Loisl seinem K\u00e4tzchen erst auf den Bauch und dann in die Augen.<\/p>\n<p>\u201eName?\u201c, fragt er.<\/p>\n<p>\u201eJawohl\u201c, sagt die Mehrkatz.<\/p>\n<p>\u201eWie Du hei\u00dft, will ich wissen\u201c, knurrt Kedimir zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eAber das sagte ich schon\u201c, mault die Langhaarige und f\u00fcgt hinzu: \u201eDer Loisl ruft mich Miezmiez.<\/p>\n<p>\u201eSo,so, der Loisl ruft Dich Miezmiez. Und wer ist der Loisl?\u201c<\/p>\n<p>\u201eLeicheng\u00e4nger, der Loisl ist Leicheng\u00e4nger.\u201c<\/p>\n<p>Murmel, Murmel auf der Beisitzerseite, und auch die Vorsitzende schaut verduzt drein.<\/p>\n<p>Im Deutschen wimmelt es ja bekanntlich nur so von G\u00e4ngern. Den M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger hatten wir schon. Und wer h\u00e4tte noch nicht vom Blind-, vom Doppel- oder vom Kostg\u00e4nger geh\u00f6rt? Vom Drauf-, vom Kirch- oder vom Ruteng\u00e4nger ganz zu schweigen. Aber was, bittesch\u00f6n, ist ein Leicheng\u00e4nger? Kedimir nimmt deshalb kurz Blickkontakt zu der Vorsitzenden auf und sagt dann mit ernster Stimme:<\/p>\n<p>\u201eVergackeiern k\u00f6nnen wir uns selber.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch will Euch ja gar nicht vergackeiern\u201c, entgegnet die Mehrkatz. \u201eIch kann das erkl\u00e4ren.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDarum m\u00f6chte ich auch gebeten haben\u201c, entgegnet Kedimir mit schneidender Stimme.<\/p>\n<p>\u201eWenn Du mich nicht dauernd unterbrechen w\u00fcrdest, w\u00e4ren wir schon mitten drin in der Geschichte vom Leicheng\u00e4nger\u201c, faucht Miezmiez zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eIch h\u00f6re\u201c, sagt der Schriftf\u00fchrer daraufhin.<\/p>\n<p>\u201eDas Wort hat die Mehrkatz\u201c, unterbricht die Vorsitzende jetzt den Austausch von Freundlichkeiten. Mieze Press ist immer ein wenig ehrpusselig und mag es nicht, wenn das ihr vom Prozedere her zustehende Vorrecht, das Wort zu erteilen oder zu entziehen, von anderen gekapert wird. Zu Kedimir gewandt sagt sie:<\/p>\n<p>\u201eMiezmiez m\u00f6ge ihr Narrativ jetzt vortragen.\u201c<\/p>\n<p>Erneut h\u00f6rt man das bekannte Murmel Murmel auf der Beisitzerseite, und auch Kedimir wei\u00df nicht so recht, ob er sich mehr \u00fcber die Wortwahl oder den strengen Blick der Vorsitzenden wundern soll. Das \u201eNarrativ\u201c vortragen. Miezmiez jedoch hat intuitiv erfasst, dass es sich dabei um ihr Stichwort handelt: Sie r\u00e4uspert sich und tritt eine Pfote vor.<\/p>\n<p>\u201eDer Loisl\u201c, sagt sie, kommt des \u00d6fteren nach Hause und bringt einen\u00a0<i>Doggy Bag\u00a0<\/i>voller K\u00f6stlichkeiten mit: Forelle, Hering, Sprotte, Lachs, gelegentlich auch Aal und Thunfisch. Da geht einem das Herz auf, kann ich Euch sagen.\u201c<\/p>\n<p>Statt des sonst \u00fcblichen Murmel Murmel h\u00f6rt man jetzt, wie sich die Beisitzer wegen des Doggy Bags emp\u00f6ren. So was gilt als unfein in Katzenkreisen, auch wenn einem dabei das Wasser im Mund zusammenl\u00e4uft.<\/p>\n<p>\u201eUnd?\u201c, sagt die Vorsitzende.<\/p>\n<p>Miezmiez macht eine Kunstpause, um die Spannung zu erh\u00f6hen. Dann f\u00e4hrt sie fort: \u201cNach dem Fr\u00fchst\u00fcck schl\u00e4gt Hoppediez zuerst die Tageszeitung auf, um die Todesanzeigen zu studieren.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDie Todesanzeigen? Sucht der ne neue Wohnung?\u201c fragt man sich in Zugh\u00f6rerkreisen. Heutzutage muss man ja besonders schnell sein mit der Wohnungssuche. Noch bevor die neue Vermietungsanzeige Tage sp\u00e4ter erscheint, muss man im Trauerhaus vorsprechen und Interesse bekunden. Die Mehrkatz grient wie die <em>Cheshire Cat\u00a0<\/em>aus Alice im Wunderland.<\/p>\n<p>\u201eEr sucht sich die passende Leiche aus\u201c, sagt sie.<\/p>\n<p>\u201eWas will er denn damit?\u201c, f\u00e4llt ihr da einer der Beisitzer \u2013 ich glaube, es ist der Muskel-Kater \u2013 ins Wort, \u201eunsereiner k\u00fcmmert sich ja auch nicht um tote M\u00e4use. Man f\u00e4ngt die lieben kleinen Nager, man spielt ein bisschen mit ihnen und schluckt sie dann, wenn sie noch zappeln.\u201c<\/p>\n<p>\u201eVerschon\u2019 uns mit Deinen Heldentaten\u201c, z\u00fcrnt Miezmiez, und auch die Vorsitzende wirft ihm einen strengen Blick zu.<\/p>\n<p>\u201eTschuldigung\u201c, nuschelt der Muskel-Kater da.<\/p>\n<p>\u201eMiezmiez, bitte\u201c, sagt die Vorsitzende.<\/p>\n<p>\u201eDanke, Frau Vorsitzende\u201c, seufzt Miezmiez und wendet sich noch einmal dem Muskel-Kater zu: \u201eWenn Du erst mal Whiskas gerochen und Sushi geschlabbert hast, dann fasst Du keine Maus mehr an.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSushi?\u201c Der Muskel-Kater schaut verdutzt in die Runde. Auch die anderen Schnurris scheinen noch nie etwas von Sushi geh\u00f6rt zu haben. Nur Mieze Bischi ist sofort im Bilde. Erinnerungen an vergangene, glorreiche Zeiten im fernen Japan steigen in ihr auf.<\/p>\n<p>\u201eSushi\u201c, barmt sie, sind mundgerechte Reish\u00e4ppchen im Fischmantel. Einfach k\u00f6stlich. Du packst den Fischmantel mit den Vorderz\u00e4hnen und sch\u00fcttelst den ollen Reis aus der H\u00fclle. Schon h\u00f6rst Du die Englein singen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eStimmt\u201c, pflichtet ihr die Mehrkatz bei, \u201ein den Doggy Bags, die Hoppediez mitbringt, riecht es verteufelt gut nach Fisch. Alles hauchd\u00fcnn geschnitten und mit <em>Worcester\u00a0<\/em>So\u00dfe verfeinert.<\/p>\n<p>\u201eDas ist\u00a0<em>Soy Sauce<\/em>\u201c, wird sie von Mieze Bischi belehrt.<\/p>\n<p>\u201eZur Sache jetzt\u201c, mahnt die Vorsitzende. \u201eWie ist das mit der Leiche?\u201c<\/p>\n<p>Die Mehrkatz gibt sich einen Ruck. \u201eAngefangen hat alles mit dem Spielfilm <i>Wedding Crashers\u00a0<\/i>von David Dobkin. Der Hoppediez und ich haben den Film im Fernsehen auf deutsch gesehen. F\u00fcr alle, die den Film nicht kennen,\u201c f\u00e4hrt sie fort, \u201edie beiden Freunde John und Jeremy gehen uneingeladen zu gro\u00dfen Hochzeitsfeiern. Sie geben sich als weitl\u00e4ufige Verwandschaft aus und schlagen sich am B\u00fcffet die B\u00e4uche voll, kleinere oder gr\u00f6\u00dfere Flirts immer eingeschlossen. Dann verdr\u00fccken sie sich wieder. Ein toller Spa\u00df. Luis Hoppediez ist jedoch anders als John und Jeremy. Er ist Einzelg\u00e4nger. Immer dann, wenn in L\u00fcngsdolf einer stirbt, und das passiert des \u00d6fteren, schreitet er zur Tat. Er pickt sich die Anzeige mit ungew\u00f6hnlichen Traueradressen raus \u2013 Pusemuckel, Los Angeles, Sankt Petersburg und so. Je weiter weg desto besser. Dann putzt er sich und wirft sich in Schale. Das Haar wird sorgf\u00e4ltig gescheitelt und als Zopf gebunden. Die Trauerr\u00e4nder unter den Fingern\u00e4geln werden entfernt. Im kleinen Schwarzen eilt er dann zur Kirche.<\/p>\n<p>Drinnen mustert er sorgf\u00e4ltig die Trauerg\u00e4ste in den vorderen Reihen. Witwen, alleinstehend und schon etwas klapprig, haben es ihm besonders angetan. Ganz zwanglos schlie\u00dft er sich ihnen an und setzt sich neben sie auf die Kirchenbank. Luis singt auch sehr sch\u00f6n. Das macht Eindruck. Zu Hochform l\u00e4uft er auf, wenn der Organist die Bachkantate vom <i>Kreuzstab, den ich gerne tragen will\u00a0<\/i>intoniert. Beim <i>Komm, o Tod<\/i>-Choral\u00a0beugt er sich vor und s\u00e4uselt: \u201aJa, ja, Schlafes Bruder\u2019, was dem M\u00fctterchen neben ihm die Tr\u00e4nen in die Augen treibt. Werden Sarg oder Urne dann hinausgetragen, weicht er nicht mehr von der Seite seiner Nebenfrau. An den Stufen des Gotteshauses fasst er sie sanft am Arm und st\u00fctzt sie, was in aller Regel dankbar registriert und mit einem L\u00e4cheln quittiert wird.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAn den Stufen des Gotteshauses\u201c, wird sie an dieser Stelle von der Vorsitzenden unterbrochen. \u201eDu bist im Poesiemodus. Woher wei\u00dft Du das alles? Du warst doch gar nicht dabei.\u201c Zustimmendes Nicken auf allen Seiten.<\/p>\n<p>Die Mehrkatz l\u00e4sst sich erneut Zeit mit der Antwort. \u201eNein, war ich auch nicht\u201c, sagt sie dann. \u201eAber ich hab\u2019 mal ne arme Kirchenmaus gefangen. Die hat mir das erz\u00e4hlt, und ich hab\u2019 sie daf\u00fcr laufen lassen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eLebensmittelverschwendung\u201c, l\u00e4sst sich der Muskel-Kater erneut aus dem Hintergrund vernehmen.<\/p>\n<p>\u201eLass\u2019 gut sein\u201c, schilt ihn die Vorsitzende. \u201eWir wollen die Geschichte h\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWo war ich?\u201c, fragt die Mehrkatz.<\/p>\n<p>\u201eAn den Stufen des Gotteshauses.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAh, ja. Danke. Der Loisl sagt dann: \u201aRat mal, wer ich bin. Kannst Du Dich noch an mich erinnern?\u2019 Das M\u00fctterchen, das so aussieht, als ob es Patient von Dr. Alzheimer w\u00e4re und auch den Sehtest in der F\u00fchrerscheinpr\u00fcfung nicht mehr bestehen w\u00fcrde, wundert sich. Aber das hat es des \u00d6fteren schon im Leben getan. Und der Junge ist ja so nett. \u201aBist Du der Sohn von unserem Nepumuk, der damals zur See gefahren ist? Der Klaus? Ich bin die Tante Gerda.\u2019 Das gen\u00fcgt. In Windeseile entwirft unser Klaus die Vita dessen, der in der Fremde sein Gl\u00fcck gemacht hat.\u201c<\/p>\n<p>Den Miezen vom Meeting Point d\u00e4mmert es: \u201eDer macht den Enkeltrick mit denen\u201c, ruft Cem Kedimir. \u201eDen Neffentrick\u201c, korrigiert ihn Ozzy de Muenckhouse. \u201ePedant\u201c, schilt ihn Mieze Press.<\/p>\n<p>\u201eKann ich jetzt weitermachen?\u201c, grummelt die Mehrkatz ver\u00e4rgert.<\/p>\n<p>\u201eVerzeihung\u201c, sagt die Vorsitzende. \u201eDu hast das Wort\u201c.<\/p>\n<p>Zufrieden blickt Miezmiez in die Runde. Dies ist ihr gro\u00dfer Auftritt.<\/p>\n<p>\u201eWenn die zwei am Grab angekommen sind\u201c, hier macht sie erneut eine Kunstpause, \u201ekennt der Loislklaus auch die gesamte Familiengeschichte von A bis Z. Wer mit wem Krach hat, warum der eine enterbt und der andere sich vor Jahr und Tag auf Nimmerwiedersehen aus dem Staub gemacht hat. Witwentr\u00f6ster Loisl textet sein Opfer so voll, dass Tante Gerda wie selbstverst\u00e4ndlich die Honneurs f\u00fcr ihn macht: \u201aDas ist der Klaus\u2019, stellt sie ihn der Truppe vor, \u201ader Sohn von, na, Ihr wisst schon. Wir haben damals immer gesagt, wenn der blo\u00df nicht so stur gewesen w\u00e4re. Aus dem h\u00e4tte was werden k\u00f6nnen. Erinnerst Du Dich?\u2019 Die von Tod und Trauer Geschockten erinnern sich: \u201aWir treffen uns zum Leichenschmaus im <em>Hotel Lheinpfad<\/em>\u2019, fl\u00fcstern sie ihm zu. \u201aMan kann ja nicht die ganze Corona einladen.\u2019\u00a0Der Loisl l\u00e4sst sich das nicht zweimal sagen. Sobald er seine Tante Gerda ins Gespr\u00e4ch vertieft wei\u00df, macht er sich auf die Socken.<\/p>\n<p>Das <i>Hotel Lheinpfad\u00a0<\/i>liegt, wie der Name schon sagt, direkt am Lhein circa 15 Gehminuten vom Gottesacker entfernt. Wir haben es mit einem rechten Sehnsuchtsort zu tun. So manch ein Tourist findet sich ein, um einmal im Leben das geschichtstr\u00e4chtige Haus zu bestaunen. Ein inhabergef\u00fchrter Laden ist das mit einer langen Tradition. Hier haben Politiker und hohe Milit\u00e4rs einst gen\u00e4chtigt. Der Biergarten wird deshalb von jenen L\u00fcngsdolfern gerne frequentiert, die etwas auf sich halten. Das Management vom Lheinpfad legt seinerseits gro\u00dfen Wert auf gutb\u00fcrgerliche K\u00fcche. Spezialit\u00e4t Leichenbeg\u00e4ngnis. Das Mahl wird im gro\u00dfen Saal serviert, von wo aus man einen wunderbaren Blick auf den Lhein und das gegen\u00fcberliegende Ufer hat. Das B\u00fcffet steht, wenn man reinkommt, immer links. Je nach Preisstufe ist es gediegen, reichlich, \u00fcppig, sogar pr\u00e4chtig. Unser Hoppediez ist stets bem\u00fcht, einen Platz in der N\u00e4he des Buffets oder am Ausgang zu ergattern. Fluchtwege m\u00fcssen immer offen gehalten werden. Dann schl\u00e4gt er sich den Pansen voll. Damit alles gut rutscht, macht er reichlich Gebrauch von den Getr\u00e4nken. W\u00e4hrend die anderen noch an ihren Gl\u00e4sern nippen und den Kanapees zusprechen, bereitet der Loisl seinen Abgang vor. Er steuert schnurstracks auf seine G\u00f6nnerin vom Gottesacker zu und s\u00e4uselt: \u201aTante Gerda, ich muss mich jetzt auf den Weg machen. Mein Zug geht in einer halben Stunde. Neun Stunden auf der Bahn sind eine ziemliche Strapaze. Schade, dass ich nicht l\u00e4nger bleiben kann.\u2019<\/p>\n<p>Das M\u00fctterchen versteht sofort. Der arme Junge! \u201aNimm Dir eine ordentliche Wegzehrung mit\u2019, sagt sie. Dann zitiert sie den Oberkellner. Der bringt ein <em>Doggy Bag<\/em>. Den Rest k\u00f6nnt Ihr Euch denken.\u201c<\/p>\n<p>Im Kreis der Beisitzer ist Kopfnicken angesagt. Selbst Kedimir ist vom Narrativ der Mehrkatz beeindruckt. Er schaut zur Vorsitzenden Mieze Press her\u00fcber. Die ruft die Versammlung zur Ordnung: \u201eWir kommen nun zur Abstimmung. Wer der Meinung ist, dass Miezmiez in unseren Kreis aufgenommen werden soll, der hebt die rechte Pfote!\u201c<\/p>\n<p>Ein Blick in die Runde, dann sagt sie: \u201eEinstimmig!\u201c<\/p>\n<p>Kedimir ist der erste, der zur Mehrkatz geht, um sie zu begl\u00fcckw\u00fcnschen. \u201eGut Freund, Miezmiez\u201c, sagt er, \u201edies k\u00f6nnte der Beginn einer gro\u00dfen Freundschaft sein. Kann ich Dich mal besuchen?\u201c<\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom Karikaturisten zum Geschichtenerz\u00e4hler ist es nur ein kleiner, wenn auch gef\u00e4hrlicher Schritt. Wer das Abartige in den Blick nimmt, l\u00e4uft Gefahr, das Liebenswerte aus den Augen zu verlieren. 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